Wankdorfplatz und Umgebung

Information zum tödlichen Velounfall auf Höhe Stauffacherstrasse. vom 16. November 2012

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Pro Velo Bern erhielt nach dem tödlichen Velounfall vom 16. November 2012 viele mündliche, telefonische und elektronische Anfragen und Zuschriften. Alle drücken Betroffenheit und auch Unverständnis aus.
Die Frage des "Wie" und "Warum" beschäftigt(e) nicht nur die Polizei.

Chronologie:
Inzwischen wurde der Lastwagenfahrer für schuldig befunden und zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. 
-> Artikel vom 13.6.2014: Verurteilung des Fahrers
Er zieht jedoch den Fall vor die nächste Instanz
-> Artikel vom 16.6.2014: Diskussion um Sicherheit solcher Anordnungen
-> Artikel vom 18.3.2015: Obergericht bestätigt Schuldspruch

 
 


Papiermühlestrasse, Blickrichtung Wankdorfplatz/Stadion, vor der Abzweigung Stauffacherstrasse
(-> Google-Bild vor der Sanierung)

Aufgrund der grossen Betroffenheit in der Bevölkerung, beim Strassenbesitzer (Kanton) und bei Pro Velo sehen wir uns veranlasst, ein paar Informationen abzugeben und Stellung zu nehmen.


Was ist passiert?
Am Freitag, 16. November 2012, 9 Tage nach der Eröffnung des neuen Platzes, gegen 18:40 Uhr fuhr ein Sattelschlepper auf der Autobahn A1 vom Grauholz her via Ausfahrt auf der Papiermühlestrasse in Richtung Wankdorfplatz. Um diese Zeit war es dunkel. Er bog nach rechts in die Stauffacherstrasse ab. Dabei erfasste er die in gleicher Richtung fahrende Velofahrerin auf dem Radstreifen. Sie wurde dabei vom schweren Fahrzeug getötet. 

-> Google-Karte http://goo.gl/maps/wz55z
_Telebärn-Nachrichten 17.11.12
 Wie konnte das passieren?
Das fragen sich alle. Die Polizei hat mehrere Stunden lang die Beweislage aufgenommen und ermittelt nun Hergang und ev. Ursachen. Was dabei herauskommt und ob man etwas dazu erfährt, ist fraglich.
Der Unfalltyp mit rechtsabbiegenden Lastwagen gegen Velos ist leider ein "Klassiker". 
Und erst im Februar 2011 kam 100m entfernt bei der Wölflistrasse ein Velofahrer (seines Zeichens Berufs-Chauffeur) bei einem fast gleichen Unfall ums Leben.
Nun, der Hergang, das "Wie", ist so tragisch wie unspektakulär "logisch":
  • Velo und Lastwagen waren nebeneinander, links der Lastwagen, rechts auf dem Radstreifen das Velo
  • Das Velo wollte geradeaus Richtung Wankdorfplatz
  • Der Lastwagen wollte nach rechts abbiegen


Was ergeben die Ermittlungen? 
Das wäre eigentlich Gegenstand öffentlichen Interesses. Häufig weigert sich jedoch die Polizei mit Verweis auf den Datenschutz, die Erkenntnisse bekanntzugeben. Nur bei Unfällen mit vielen Zeugen oder mit "prominenten" Opfern oder Tätern wird offener informiert. Ob "man" hier genaueres erfahren wird, ist fraglich.
Uns ist nicht bekannt, ob die Polizei nur den unmittelbaren "technischen" Ablauf des Unfalls zu ermitteln versucht, oder auch alle Umstände wie z.B. Einfluss von Dritten oder die Abfolge der Ampelphasen usw.
Ermittlungen sollten alle Umstände, also nicht nur das "Wie", sondern auch das "Warum" ans Licht fördern.

 

Wer ist schuld?
Bei Unfällen mit unklarem Hergang werden die Beteiligten (sofern sie überleben) oft alle gerichtlich verzeigt. Ein Gericht muss dann entscheiden, ob und bei wem eine Schuld vorliegt. Auch wenn Hergang und Ursache bekannt werden, ist es nicht zwingend, dass es auch Schuldige im rechtlichen Sinn gibt. Einen Unfall verursachen heisst nicht zwingend, ihn auch zu verschulden.
Rechtlich ist klar: Das Velo, das höchstwahrscheinlich auf dem Radstreifen daherkam, hat Vortritt vor abbiegenden Fahrzeugen.
Das Gericht kam zum Schluss, dass den Chauffeur ein Verschulden trifft. -> Artikel vom Juni 2014
Somit könnte man mutmassen, dass der Lastwagenführer die Velofahrerin übersehen oder nicht beachtet hat. In diesem Fall wäre fast alles "klar".
Theoretisch ist eine Mitverursachung durch Dritte oder gar die Velofahrerin denkbar, auch wenn solche Gedanken hier zynisch anmuten.

Wie ist das Unfassbare denkbar?

  • War der Lastwagenfahrer abgelenkt? 
  • Wurde er geblendet?
  • Hat er Wegweiser oder das Infoplakat studiert?
  • Hat er geblinkt?
  • Hatte das Velo Licht?
  • Musste der Lastwagen noch Fussgänger über den seitlichen Streifen lassen? 
  • Hat er dabei auf der Hauptspur gewartet, oder hat er die Kabine des Sattelschleppers schon so weit nach rechts abgedreht, dass er die Flanke seines Gefährts gar nicht mehr überblicken konnte?
  • Hatte der Lastwagen einen Unterfahrschutz?
  • War der Lastwagen so mit Spiegeln ausgerüstet, dass kein toter Winkel  entstand?"

  • (Bild oben: Trotz Spiegeln eingeschränkte Sicht eines Chauffeurs)
    Trixi-Spiegel gegen den toten Winkel:

    -> dieses Bild als PDF
    -> Broschüre von Pro Velo zum toten Winkel
Geometrisch ist die Situation an dieser Verzweigung tatsächlich fast gleich wie früher, auch den Radstreifen gibts schon mind. seit 5 Jahren.
Zuvor nicht vorhanden und damit neu ist hingegen die ganze Ampelanlage an dieser Verzweigung.
Der Lastwagen kam aus der Autobahnausfahrt von Zürich her. 
Das Velo fuhr in gleicher Richtung auf der Papiermühlestrasse von Ittigen her.

Ein Szenario, ein möglicher Unfallablauf (bzw. Vorlauf): 
Der Lastwagen war zuvor auf der Autobahn, vielleicht 100km.
Dann kommt er auf eine Stadtstrasse, wo es plötzlich auch Velos und Fussgänger gibt, obwohl noch keine Häuser an der Strasse stehen. Er fährt darauf nur knapp 60m und will nach rechts abbiegen.
Die Ampel vor der Abzweigung Stauffacherstr. ist rot, er muss warten, vielleicht zuvorderst.
Bereits gleichzeitig mit der Autobahnausfahrt bekam die Papiermühlestrasse ab Ittigen grün (so der Zustand am 23./24.11.12), womit der Verkehr von hinten aufläuft, und ein Velo korrekt rechts neben einem stehenden Lastwagen auf dem Radstreifen vorziehen kann. Diese Situation konnte früher ohne Ampel gar nie vorkommen, weil der Autobahnverkehr längst abgeflossen war. 
Der Lastwagenführer warten auf grün, studiert vielleicht die vielen Wegweiser, schaut auf die Ampel. Ihm entgeht, dass inzwischen rechts neben ihm ein Velo fährt oder steht, das er, frisch ab der Autobahn vorher noch nie gesehen haben konnte.
Gleichzeitig wähnt sich die Velofahrerin auf dem Radstreifen in (hier falscher) "Sicherheit".
Vielleicht blinkt der Lastwagen zuerst nicht, oder dies ist der Velofahrerin entgangen.
Dann wird es grün, ein kurzer Blick in den Spiegel, aber die Velofahrerin ist in einem toten Winkel.
 


Kann man solche Unfälle vermeiden?

Hoffentlich, aber nicht generell.
Grundsätzlich lässt sich sagen:

  • das Verhalten aller Verkehrsteilnehmer muss angepasst sein;
  • die Verkehrsanlage und auch die mächtigen Fahrzeuge müssten möglichst "fehlerfreundlich" und vor allem von allen erfassbar sein.
Daneben gibt es technische Hilfsmittel. Aber auch technische Mängel.
Man kann jede Anlage immer noch sicherer machen. Wenn man aber die totale Trennung aller konfliktträchtigen Ströme durch Ampeln anstrebt, geht dies immer zulasten des Komforts, der Durchlässigkeit, der Kapazität einer Strasse und auch der Akzeptanz durch die Benützenden.
Bei dieser Anlage kann man diverse subjektiv empfindbare Mängel postulieren. Ob es auch objektive, vermeidbare Mängel sind, müssen die Erfahrung, das Abwägen weiterer Nachteile und im konkreten Fall die Untersuchung zeigen.
  • Hätte ein weiter vorgezogener Radstreifen den Unfall verhindert?
  • Hätte ein rot eingefärbter Radstreifen den Unfall verhindert?
  • Hätte der inzwischen montierte Trixi-Spiegel (Bild: runder Weitwinkel-Spiegel unter gelbem Blinklicht) den Unfall verhindert?
  • Hätte eine fehlende oder anders geschaltete Ampel den Unfall verhindert?
Das wird man nie wissen, weil man's nicht mehr ausprobieren kann und vielleicht noch andere Faktoren mitspielten.
Wie wurde berichtet?
Die Zeitungen Bund und BZ zitierten im Wesentlichen nur die  Polizeimeldung, bei der das Velo "unter den Lastwagen gerät". Solche immer wieder anzutreffenden, neutral-sein-wollenden Floskeln machen das Opfer zum (Mit-)Täter.
Telebärn berichtete in einem Filmbeitrag, in welchem auch der Präsident von Pro Velo Bern kurz vor Ort kurz befragt wurde.
Unser Velojournalbeitrag zum Wankdorfplatz erschien am 22.11.12, entstand aber über eine Woche vor der Inbetriebnahme (7.11.) des Wankdorfplatzes und fast drei Wochen vor dem Unfall. Eine Medienmitteilung zum Unfall haben wir jedoch nicht gemacht. Was es zu sagen gibt, steht hier.
Auch im Email-Newsletter auf der inzwischen aufgegebenen Website wankdorfplatz.ch vom Montag 19.11.12 wurde der Unfall erwähnt:
"Die Umstände des tragischen tödlichen Velounfalls vom letzten Freitag bei der Einmündung Stauffacherstrasse, wo eine Velofahrerin von einem rechtsabbiegenden Sattelschlepper überrollt wurde, werden derzeit polizeilich abgeklärt. Es ist unklar, ob der Unfall einen Zusammenhang mit der neuen Verkehrsführung hat. Tatsache ist, dass für Velofahrende trotz umfangreicher Massnahmen zur sichereren Veloführung auf dem neuen Wankdorfplatz unvermeidliche Konfliktstellen mit dem Autoverkehr bestehen bleiben. Es ist grösste Vorsicht angebracht. Die Verkehrsverantwortlichen sind daran, die Situation zu analysieren und dort wo nötig weitere Verbesserungsmassnahmen einzuleiten."
Am Dienstag Abend wurde dann eine leicht andere Version des gleichen Newsletters aufgeschaltet, in welcher der Unfall weniger prominent vertreten war (Damals unter wankdorfplatz.ch -> Kommunikation -> Newsletter -> Archiv -> 19. November 2012 (PDF 550 KB)
Was tun die Behörden?
Wie der Kanton informierte, wird die Situation analysiert. Auch auf Ermittlungsergebnisse ist man angewiesen. Massnahmen, welche die Wahrscheinlichkeit für weitere solche Unfälle aber unabhängig vom genauen Hergang reduzieren, wurden sofort in Angriff genommen. Am 22./23.11.12 wurden sog. Trixi-Spiegel montiert (Bild). Und in den Tagen nach dem Unfall wurde mehrfach (aber sicher nicht nur aufgrund des Unfalls) an den Ampel-Steuerkästen herumgewirkt.
Update Anfang 2013: Radstreifenstück wurde rot eingefärbt:

Was macht Pro Velo?
Wir beobachten und analysieren das Verkehrssystem Wankdorfplatz bereits seit Inbetriebnahme am 7. Nov. 12, und noch vermehrt seit dem schlimmen Velounfall. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Velo umittelbar vor dem Unfall neben dem Lastwagen befand. Ob stehend oder fahrend, werden wohl die Ermittlungen zu Tage fördern. 
Vermutlich wird man zum Schluss kommen, dass eine solche Situationen (Velo neben Lastwagen ab Autobahn!) eigentlich nie auftreten sollte. Dieses Risiko könnte durch eine andere Abfolge der Ampelphasen (Autobahnausfahrt und Stauffacherstrasse) reduziert werden. 
Pro Velo empfiehlt in ihren Velofahrkursen (z.B. für Kinder und ihre Eltern), nicht neben Lastwagen hinzufahren, auch dann nicht, wenn ein Radstreifen besteht. 
-> alle Tipps zum Verhalten gegenüber Lastwagen.
 

Sind solche Grossprojekte beherrschbar? Sind solche Anlagen menschengerecht?
Auch das sind berechtigte Fragen. Viel hörten wir Aussagen wie "Nun hat man am Wankdorf 100 Millionen Franken investiert, und dann so was!"
Nun, der sachliche Zusammenhang zwischen hoher Investition und hoher Sicherheit ist zwar nicht zwingend gegeben. Hingegen muss die Frage erlaubt sein, was man den Menschen zumuten kann und wie komplex eine Anlage sein darf. Die Komplexität, bei welcher der "gesunde Menschenverstand" überfordert ist, wird beispielsweise gerade an dieser Verzweigung deutlich:
Früher hatte ein Autofahrer ab dieser Autobahnausfahrt fast über eine Strecke von 200m bis zum Wankdorfplatz Zeit, sich für eine Richtung zu entscheiden; die Einspurordnung war logisch, eine Ampel gabs hier nicht (-> Google-Bild vor der Sanierung).

Auf der neuen Anlage nun muss er innerhalb von 40m (!) merken oder wissen, wo er einspuren soll, und die Logik spielt Streiche:

  • Wenn er nach rechts Richtung Wankdorf-City/Stauffacherstr. will (wie der Lastwagen), muss er auf die rechte Spur
  • Wenn er aber nach rechts ins Wylerquartier will, muss er auf die linke (!) Spur und durch den Kreisel;
  • Wenn er nach links will (Bolligen, Ostermundigen, Strassenverkehrsamt), hat er im Prinzip schon auf der Autobahn die falsche Ausfahrt erwischt, oder die Wegweiser dort haben ihn irregeleitet, er müsste nämlich am Schermenweg rausfahren. 

  • Aber wenn er nun schon hier ist, muss er auf die linke Spur und durch den Kreisel;
  • Wenn er geradeaus zum Guisanplatz will, kann er (muss aber nicht) auf die rechte Spur und über den Platz. 
  • Wenn er zwar geradeaus, aber "nur" zum Stadion/Einkaufszentrum will, so muss er auf die linke Spur durch den Kreisel!
Das ist eine totale Überforderung. Entsprechend sieht man auch haufenweise Autos und Lastwagen, die im letzten Moment und natürlich illegal, sprich über die Sicherheitslinien hinüber, die Spur wechseln, oder sogar bei Grünlicht an der Ampeln anhalten, um sich zu orientieren! 

Sehr spannend dürfe es auch werden, wenn im Kreisel unten mal ein ernstes Problem entsteht, dann wechseln nämlich die beiden Wegweiser schlagartig ihr Gesicht (Bild) und das Chaos oben auf dem Platz ist so gut wie sicher.
 

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Thomas Schneeberger

 


17.11.12: Zwei polizeilich gemeldete Unfälle:


Polizeimeldung1                                            Polizeimeldung


-> Gebrauchsanleitung für den Wankdorfplatz



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